8 Dinge, die mir der Jakobsweg fürs Leben mitgegeben hat

Wie der Jakobsweg mich auch nach der Reise weiter begleitet

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Der Camino Frances, bekanntester aller Jakobswege, führt ca 800km quer durch Spanien, von der französischen Grenze bis nach Santiago di Compostela nahe dem Atlantik. Letzten Sommer bin ich, wie Millionen von Pilgern seit über 1000 Jahren, diesen Weg gegangen und die Erfahrung hat mich tiefgreifend verändert.

Der Weg ist hart. Einen Fuß vor den anderen setzen, sieben Wochen lang in meinem Fall. Täglich das Gewicht des Rucksacks auf den Schultern, Blasen an den Füßen, Schwere in den Beinen. Jeden Tag neue Eindrücke, Landschaften, Menschen. Freiheit, Schmerzen, Glück.

Die folgenden Erkenntnisse Dinge habe ich auf dem Jakobsweg fürs Leben gelernt. Dafür bin ich sehr dankbar.

1. Menschen sind Besser als Du denkst.
Zum Einen spiegelt sich auf dem Jakobsweg der jahrtausendealte Geist des Pilgerns wieder, zum Beispiel in Form von Herbergen, die sich unfassbar herzlich und freigiebig um die Pilger kümmern und dabei komplett von Spenden getragen werden. Und offensichtlich auch genug Pilger den Anstand haben, ihren Aufenthalt mit einer angemessenen Spende zu entlohnen um das Ganze tragbar zu halten.

Zum Anderen, weil Dir auf dem Weg so viele unvergessliche Begegnungen bevorstehen wie an kaum einem anderen Ort. Sei es in Form von persönlichen Gesprächen oder gar Freundschaften mit Menschen, die man erst seit ein paar Stunden oder Tagen kennt oder in Form eines Gemeinschaftsgeistes und einer Hilfsbereitschaft, die man im täglichen Leben oft vermisst.

Kaum eine Erfahrung dürfte meinen Glauben an die Menschen so sehr wieder hergestellt haben, wie mein Jakobsweg.

2. Sei gut zu Deinem Körper, er hats verdient.
Oft in meinem Leben zweifelte ich an meinem Aussehen. Wie oft versuchte ich meinen Körper mit Diäten und extremem Sportpensum in die gewünschte (und wahrscheinlich nie erreichbare) Form zu pressen… Auch auf dem Jakobsweg hatte ich gehofft, durch die tägliche Extremleistung vielleicht endlich mein Traumgewicht zu erreichen… und zählte, statt ausgewogen zu essen, zusätzlich noch Kalorien und ging hungrig ins Bett.

Irgendwann auf dem Weg traf mich die Erkenntniswie ein Schlag: Wer trug mich hier jeden Tag voran? Mein Körper! Wer tat hier jeden Tag, trotz meiner schlechten Fürsorge, sein Bestes? Mein Körper! Wer machte mir diesen ganzen Weg überhaupt erst möglich? Mein Körper…

Direkt bekam ich erstmal ein richtig schlechtes Gewissen und verwarf den Diätplan. Stattdessen fing ich an, mehr auf einen ausgewogenen Speiseplan und positive Gedanken zu achten und das schlechte Gewissen abzustellen, sollte ich mir mal etwas gönnen wollen. Was ist schon so eine Zahl auf der Waage gegen alles, was unser Körper täglich für uns leistet?

3. Zwölf Kilogramm Gewicht im Rucksack? Federleicht!
Trotz vorbildlichem Ultraleichtpacken und minimalistischer Ausrüstung hat man auf dem Jakobsweg immer wieder Tage an denen man das Gefühl hat, Backsteine mit sich herumzutragen. Man versucht laufend, Entbehrliches auszusortieren… jedes Gramm macht einen Unterschied! 😉

Doch was sind sieben bis zwölf Kilogramm im Vergleich zu all dem Wahnsinn, der uns in unserem alltäglichen Leben beschwert? Alltagssorgen, Verpflichtungen und Zweifel die uns runterziehen? All der unnötige Besitz, mit dem wir unsere Wohnungen vollstellen? Das Auto in der Garage mit dem wir jeden Tag auf dem Weg in die Stadt im Stau stehen?

An vielen Tagen würde ich den Alltagsrucksack lieben gern wieder gegen den Caminorucksack eintauschen…

. Menschen sind verschieden. Und okay so.
Natürlich hab ich es schon vorher geahnt. Lange bin ich oft zurückhaltend bevor ich mich jemandem öffnen kann und finde es nicht leicht, Freundschaften zu knüpfen. Dadurch ist es für mich oft einacher allein als unter Menschen zu sein.

Das hat mich an verschiedenen Stellen in meinem Leben schon belastet und ich dachte ich müsste diese Eigenschaften beseitigen oder mich verändern.

Auf dem Jakobsweg trifft man viele Menschen. So viele, dass selbst „jemand wie ich“ ziemlich schnell und wiederholt auf Menschen traf mit denen ich mich sofort verstand, tolle Tage verbrachte und Freundschaften geknüpft habe.

Es geht nicht darum, möglichst vielen Menschen zu gefallen, solang man Menschen findet, die zu einem passen. Und egal wie verrückt es in Deinem Kopf aussieht, gerade auf dem Jakobsweg wird Dir früher oder später jemand über den Weg laufen, der ganz genau tickt wie Du.

5. Träume werden wahr. Schrittweise.
Gegen den Berg an Zweifeln, die ich vor dem Start der Reise hegte, waren die Pyrenäen ein paar Hügelchen. Ich zweifelte an so vielem, meinem Zeichen- und Schreibtalent, daran, dass die Spendeaktion funktionieren würde, daran, dass die Reise mit so geringen finanziellen Mitteln überhaupt funktionieren würde…und wie erreichte ich das Ziel? In kleinen Schritten!

So ist es mit allen Träumen. Für mich derzeit zum Beispiel wenn es um meine Lehre im Tattoostudio geht und den Traum, vegan die USA zu Fuß zu durchqueren. Nicht stehenbleiben, dann geht es voran!

6. Gut und günstig
Die Erkenntnis war für mich keine neue, doch auf der Reise wurde sie mir immer wieder bewusst. Wenn zum Beispiel die günstigsten und auf den ersten Blick viel weniger komfortablen Herbergen die Orte waren, in denen ich die schönste Zeit hatte. Oder das gemeinsame Kochen eines Topfes mit Spaghetti so viel glücklicher machte als ein 3-Gänge-Pilgermenü im Restaurant.

Meine Ode an den Minimalismus gab es ja hier schon einmal zu lesen 🙂

7. Mitläufer sein ist manchmal schön.
An manchen Tagen auf dem Jakobsweg wollte ich mir einfach keine Gedanken über den Weg machen, wenn ich einfach nur kaputt und bestrebt war, das viele Kilometer entfernte Ziel am Abend zu erreichen…in solchen Momenten war es schön, einfach mit der „Masse“ zu schwimmen, der Schwarmintelligenz der Pilger um einen herum zu vertrauen und sich gemeinsam zur nächsten Herberge tragen zu lassen.

Man muss im Leben nicht alles allein machen, nicht alles allein herausfinden. Und auch wenn ziemlich viele Menschen auf einem Haufen oft auf ziemlich dumme Ideen kommen und man daher nie ganz den kritischen Blick verlieren sollte, manchmal ist es auch schön die Zügel locker zu lassen und darauf zu vertrauen, dass schon irgendwer um einen herum wissen wird wo es langgeht. Oder zumindest bald wieder ein Pfeil auftaucht der die Richtung weist.

8. Niemand kann Dir Deinen eigenen Weg weisen.

An manchen Tagen passieren sicher über 1000 Pilger bestimmte Strecken am Jakobsweg. Klingt abschreckend? Meiner Erfahrung nach walzt das Groß der Pilger als relativ kompakte Masse zu bestimmten Zeiten und nach einem klaren Schema über den Weg, kleine, ausgeschilderte Wegalternativen nehmen schon nur wenige wahr und antizyklisch oder mit abweichenden Etappenzielen als im Wanderführer vermerkt laufen nur die Wenigsten.

Bei mir sah es so aus, dass ich meist sehr spät startete, dafür lief ich bis in die Abendstunden und kam oft erst kurz vor Herbergsschließung an meinem Ziel an. Dadurch hatte ich den Weg oft ganz für mich alleine. Ich konnte die wunderschönen Abendstimmungen erleben, sah die Bauernfamilien, die erst im Sonneuntergang mit der Feldarbeit begannen, abends freigelassene „Kettenhunde“ trotteten friedfertig neben mir her…

Was ich damit sagen möchte: Geh Deinen eigenen Jakobsweg und lass Dir von niemandem erzählen, ob und wie oft Du dir Kirchen anschauen, ob Du beten solltest, wann Du morgens loslaufen solltest, ob für Dich der sportliche statt der spirituelle Fokus im Vordergrund stehen darf, ob Du wie ich zum Beispiel ein Tablet mitträgst und darauf Tagebuch schreibst oder ob Du alle elektronischen Geräte zuhause lässt…

Auch unabhängig vom Jakobsweg: kein einziger Mensch ist Deinen persönlichen Weg je vor Dir gegangen oder könnte ihn gehen. Und wenn Du auf die Zeichen achtest, auf Deinen Bauch hörst und auf Dein Herz wirst Du dich auch nicht verlaufen. Höchstens ein, zwei Umwege gehen 😉

Autor: ichbindani

freies köpfchen, wild, bunt, vegan. neben der spur und doch auf einem guten weg

21 Kommentare zu „8 Dinge, die mir der Jakobsweg fürs Leben mitgegeben hat“

  1. Danke, das ich bei deinem Bericht dabei sein durfte, ich kann dir in vielen Punkten recht geben, ich wünsche dir weiterhin auf all deinen Wegen immer gute Erfahrungen und stets Sonne ☀️ im 💕

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  2. Hallo Dani, ich finde auch, das du alles auf den Punkt gebracht hast, ich danke dir für diesen tollen Bericht und bei allem was ich über den Jacobsweg lese fiebere ich mit, ich gehe dieses Mal von Porto nach santiago und weiter nach finisterre ich freue mich schon richtig, bin gerade wieder zu hause und könnte gleich wieder los, ja so ist Dr. Camino Lg Barbara (balo)

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  3. Hallo ! Freut mich mal wieder was von Dir zu hören ! Ich kann Dir in allen 8 Punkten nur zustimmen. Kurz und bündig und alles Wichtige enthalten; ist ja schon richtig profimäßig ! Wünsche Dir für die Zukunft alles erdenklich Gute, allzeit Guten Weg und eine Rückkehr auf den Camino ! Liebe Grüße aus dem schönen Bayernland !

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  4. Super… ich freue mich sehr für dich und habe alles, was du geschrieben hast, mitgefühlt. Solche Erkenntnisse sind Gold wert, den Weg so gute wie allein zu gehen dabei absolut wichtig. Ich freue mich auf mehr Berichte… toll geschrieben und absolut gut zu fühlen. Vielen Dank und liebe Grüße von Manuela

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