Via Baltica Tag Fünf: Otterstedt – Bremer Dom

Showdown am Wümmedeich

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Hatte der Vortag noch ganz im Zeichen des Waldes gestanden, so ging es heute über weite Wiesen und Felder, die nach und nach von Städtchen und Städten abgelöst wurden. Dieses war bei Weitem der härteste Tag meiner Reise , da ich Schmerzen und ein paar Hürden im Kopf würde überwinden müssen.

In der Nacht hatte ich genug Energie getankt um mich zuversichtlich auf den Weg zu machen. Doch schon nach ein paar Kilometern fühlte ich mich bereits wieder schlapp und ausgelaugt… Die Erkältung -oder was das auch immer es war- hatte mich immernoch im Griff und meine Füße machten sich bei jedem Schritt schmerzlich bemerkbar. Ich biss die Zähne zusammen und kämpfte mich weiter vorwärts.


Das Künstlerdorf Fischerhude
Nach 10km erreichte ich Fischerhude, ein Künstlerdorf, welches (zusammen mit dem nicht weit gelegenen Worpswerde) über die niedersächsischen Grenzen hinaus Bekanntheit erreicht hat. Hier gibt es an jeder Ecke etwas zu entdecken: kleine Cafes, Galerien und einen gut erhaltenen Ortskern mit den riesigen Fachwerkpalästen der früheren wohlhabenden Bauern, die ihren wertvollen Besitz -Torf, Gras und Aale- über die anliegenden Kanäle nach Bremen verschipperten. Es lohnt sich, hier etwas mehr Zeit zu verbringen oder die Etappe sogar hier schon abzukürzen und einen Ruhetag an diesem schönen Ort zu verbringen.


Die Farbe Blau und die Farbe Grün
Ich allerdings musste weiter, wenn ich es noch bis zur Statue der Bremer Stadtmusikanten schaffen wollte. Hinter Fischerhude führt der Jakobsweg quer durch die Wümmewiesen, die ein wertvolles Landschaftsschutzgebiet unter Anderem für Tausende von Kranichen darstellen, die hier bei einer Pause auf ihrem Zug in den Süden beobachtet werden können.

Es gibt auch die Möglichkeit eine etwas nördlichere Wegalternatie zu wählen, welche am Stadtrand von Lilienthal entlang führt, stimmungsvoller sind jedoch sicherlich die Wiesen. Und die Gelegenheit, 5km lang einmal Nichts um sich herum zu haben als den freien Blick auf den Horizont, wie oft hat man die heutzutage?


Ein Schritt nach dem Anderen.

35 Kilometer… das ist sportlich, aber machbar, hatte ich im Vorfeld der Reise zu mir selber gesagt. Immerhin war ich ein paar Wochen vorher bereits 850 km durch Spanien gewandert, mit viel mehr Steigungen und bie Temperaturen um die 30 Grad… doch nun wurde bereits nach 10 Kilometern jeder Schritt zur Überwindung gegen mich selbst! Ich zählte: EINSundZWEIundDREIundVIERund…bis zehn, dabei auf den Weg vor meinen Füßen schauend. Dann wieder: EINSundZWEIund…dabei auf den Weg am Horizont schauend. Und wieder von vorn.

Nach und nach wurde jede Bank und größere umgefallene Baumstamm am Wegesrand zu einer verlockenden Gelegenheit zu pausieren.

IMGP0951.JPG

Ich hätte nicht gedacht, dass fünf Tage auf einem deutschen Jakobsweg mich bereits so in die ganze Gedankenwelt hineinversetzen konnten, in der ich mich auf dem Camino Frances in Spanien befunden hatte. Bereits am Tag zuvor hatte ich ja gemerkt, wie alle Emotionen wie durch einen Verstärker gefiltert wirkten… Höhen und Tiefen. Heute sollte der Weg in den langen, langen Kilometern vor Bremen noch mal die Gelegenheit bekommen, mir alles entgegenzusetzen, was er aufbieten konnte…

Beim Laufen ereilte mich die Erkenntnis- wenn ich am Bremer Dom ankäme, würde ich in den letzten vier Monaten so ziemlich genau 1000 Kilometer zu Fuß absolviert haben! Dazu feiert mein Blog am 25. Oktober seinen ersten Geburtstag, ein Jahr in dem ich so unglaublich viele Stunden Arbeit in dieses kleine Baby hier gesteckt habe, und in dem so wahnsinnig viel passiert ist…

Doch in der Verfassung in der ich mich befand, war mir wenig zum Feiern zumute. Stattdessen bohrte sich ein Ungetüm in meine Gedanken welches ich eigentlich gehofft hatte, endgültig am Cruz de Ferro zurückgelassen zu haben: Die Selbstzweifel! Schritt für Schritt nagten sie sich immer weiter voran, bis ich, ein paar Kilometer vor der Bremer Stadtgrenze, in Versuchung war, alles hinzuschmeißen. Hätte die Straßenbahn mich von dort zum Dom geführt- ich glaube, ich wäre eingestiegen.

Doch irgendwie hielt ich weiter durch, und wie ein Zeichen wurde mir dann in den Marschwiesen direkt vor Bremen noch dieser unglaubliche Sonnenuntergang zuteil:


Endlich am Ziel

Mit letzter Kraft und tränenden Augen kämpfte ich mich die letzten fünf Kilometer durch den mittlerweile stockdunklen Stadtpark, durch die Innenstadt und schließlich bis zum Dom. In meiner Verfassung erschien es mir plötzlich so unwirklich, dieses riesengroße Gebäude, mit seinen unglaublich vielen Verzierungen und bunten Fenstern… Ich setzte mich auf eine Bank, ein paar Meter entfernt scharte sich eine Gruppe um einen Stadtführer, der in der Verkleidung eines mittelalterlichen Nachtwächters mit einer Laterne in der Hand seine Schauspielkunst vollführte. Fast fühlte ich mich selbst, als sei ich in der Zeit zurückversetzt und auf dem Marktplatz im Jahre 900AD gelandet. Fast wie ein Pilger, der sich damals, im Mittelalter, aufgemacht hatte um durch Marsch und Moor nun endlich an seinem ersten großen Etappenziel auf dem Weg nach Santiago gelandet war und das erste Mal in seinem Leben in den Trubel der Stadt eintauchte…

Nun galt es nur noch ein paar Schritte zu bewältigen, denn mein eigentliches Ziel war ja die Statue der Bremer Stadtmusikanten, die mich in Form der selbstgemalten Karte auf dieser Reise auf Schritt und Tritt begleitet hatten. Als ich sie dann hinter dem alten Rathaus, welches direkt am Dom gelegen ist erspähte, musste ich wirklich lachen- zuetzt hatte ich sie als Kind gesehen und als riesengroß in Erinnerung- die Statue ist total unscheinbar und vielleicht zwei oder drei Meter hoch! 😀 Trotzdem war ich froh nun vor ihr zu stehen, und mein Ziel der Reise damit offiziell erreicht zu haben.

Kilometer: ca 35

Kosten für die Unterkunft: habe nicht übernachtet, in Bremen gibt es jedoch eine günstige pilgerherberge sowie verschiedene hostels

Verpflegung: sehr gut. Regelmäßige Einkaufsmöglichkeiten, dazu gibt es in ottersberg, 3km hinter Otterstedt, einen aleco biomarkt +Bäckerei vielfältigem veganen Angebot: zb Croissants, pizzaschnecken, apfelkuchen, guglhupf… (Öffnungszeiten 8-20 Uhr)

Das war meine Auszeit auf der Via Baltica! In den nächsten Tagen wird es noch mal eine kleine Zusammenfassung und ein Fazit geben. Ich hoffe Dir haben meine Geschichten zur Reise gefallen, teile mir Deine Gedanken gern in den Kommentaren mit!

Autor: ichbindani

freies köpfchen, wild, bunt, vegan. neben der spur und doch auf einem guten weg

6 Kommentare zu „Via Baltica Tag Fünf: Otterstedt – Bremer Dom“

  1. Ich bin Frans Wensing aus Holland Oud-Beijerland, In Mai will ich von DenHaag nach Hamburg wandern. Mit sehr viel vergnugen habe ich dein reisverschlag gelesen, du kanst wirklich sehr gut schreiben. Die ubernachtungs-adresse wurde ich sicher ausprobieren. Entschuldige fur mein slechtes Deutsch. Herzilichen grusse Frans

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    1. Hallo Frans, oh das klingt ja super! Ich wünsch Dir ganz viel Spaß auf Deiner Reise und freu mich, dass Du auf meinem Blog gelandet bist 🙂 Und Dein Deutsch ist doch super, besser als mein holländisch ;)) Liebe Grüße! Dani

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  2. Danke dafür mal wieder dabei gewesen zu sein. Hab deine spanische Pilgerreise (du schreibst echt schön!)schon mit Spaß verfolgt und denke manchmal über einen eigenen Blog nach. Bin in meinem zweiten Pilgerjahr in Vezeley angekommen und möchte nächstes Jahr die Pyrenäen sehen. 🙂 Gruß Ulli!

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  3. Glückwunsch, du hast es geschafft! 😊 danke dass du uns mitgenommen hast! Ich bin erst vor ein paar Tagen auf deinen Blog aufmerksam geworden und werde mich hier mal etwas mehr umschauen. Liebe Grüße

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