Via Baltica Tag Vier: Zeven – Otterstedt

Ich weiß nicht, wo ich bei diesem Tag anfangen soll, da einfach so viel passiert ist und ich so viele Emotionen, von todesbetrübt bis himmelhoch jauchzend, durchlebt habe… einfach ein wahrer Camino-Tag! 😉

Beginnen wir chronologisch:

Des Bürgers Zierde

Dies wird wohl Niemanden sonst stören der auf der Via Baltica wandert, denn zum Pilgern braucht man ja eher weniger Internet. Doch der Netzempfang hier wurde wahrscheinlich von den selben Menschen gelegt die auch die Steingräber im Wald errichteten! Selbst in der Zeven, einer 14000-Einwohner-Stadt, wurden mir meist nicht mehr als ein ein „E“ und zwei Balken angezeigt… Blogartikel mit Fotos hochladen? Keine Chance!

Im Endeffekt hatte ich also bereits den Abend zuvor, bei der Ankunft in Zeven, über eine Stunde vor der Tür des Gemeindehauses gestanden da ich dort wenigstens etwas Empfang zum Arbeiten gehabt hatte. Wohl auch der Grund, warum ich gestern morgen dann verkühlt aufwachte… Nach dem Aufstehen ging dasselbe Spiel wieder los: Ich hatte mir bereits gedacht, dass es auf der nächsten Etappe noch schwieriger mit Empfang werden würde, und den nächsten Bericht am selben Abend spät noch fertig geschrieben. Morgens wollte ich dann die Fotos reinladen und ihn so einstellen, dass er automatisch gegen 18 Uhr online gehen würde. Aber keine Chance. Ich ging beim Aufbruch extra noch mal zurück in den Stadtkern und checkte den Empfang an so ziemlich jeder Parkbank der Fußgängerzone, doch auch dort war nichts zu machen. In Spanien gab es  zumindest regelmäßiges WLan, hier? Vielleicht mal ’ne Telefonzelle an der Straße. Gestern Abend am Ziel angekommen gab es nicht mal Telefonempfang. Gar nichts! Zum Bloggen ist das sehr schwierig, und ich muss überlegen wie ich da bei zukünftigen Reisen eine gute Lösung finden kann.

Mit strapazierter Geduld, Muskelkater und schmerzenden Füßen, machte ich mich auf den Weg. Ich war einfach richtig schlapp und fertig und hätte einiges für eine kurze Etappe an diesem Tag gegeben! Doch da ich Bremen am Dienstag erreichen würde müssen, hatte ich keine Zeit für einen Ruhetag.

Das Moor

Nach wenigen Kilometern kehrte sich meine Stimmung bereits komplett um: der Weg führte mitten durchs Moor und ich war sprachlos! Bald war ich von Birkenwald und Moorgräsern umgeben, vollkommene Stille, dazu der typische Geruch von feuchter Torferde, Blättern, und trockenem Gras… anderen Menschen sollte ich an diesem Tag nicht mehr als einer Handvoll begegnen. Später traf ich sogar auf die alten, verfallenen Gleisen einer Torfbahn, der ganze Ort wirkte, als würde er Geschichten erzählen können, und ein eigenes Leben besitzen…

 

Der Wald

Übergangslos ging das Moor nach einiger Zeit in den schönsten Mischwald über. Das Licht war herbstlich grün-golden, und immer wieder schien die Sonne warm zwischen den Blättern hindurch. Auch hier überall so eine besondere Stimmung… und dann ragte zwischen den Baumstämmen jenes Bauwerk auf, auf das ich mich schon seit Kilometern gefreut hatte: ein monumentales steinzeitliches Megalithgrab! Wie bereits erwähnt ist die ganze Region gespickt mit Grabstätten aus verschiedenen Jahrtausenden, doch dieses Grab liegt so direkt am Weg, dabei so abgelegen und scheint so majestätisch… der Gedanke daran, wie genau diese Riesensteine vor tausenden von Jahren von Menschen bewegt worden waren die in diesem Wald gelebt hatten, hätte mich fast umgehauen. Praktisch, dass die Erschaffer neben dem Grab auch gleich einen Holztisch mit Bänken errichtet hatten, so nutzte ich die Gelegenheit auch gleich um ein Päuschen einzulegen 😉

 

Mein Dorf ist schöner als Deins



Danach wurde es dann allerdings richtig hart. Ich hatte keine Kraft mehr und riesigen Durst, da ich mir wieder nur eine 750ml-Flasche Wasser eingepackt und gehofft hatte, es würde sich unterwegs schon eine Gelegenheit zum Auffüllen finden… falsch gelegen. Dazu hatte ich Angst, den nächsten Tag so krank zu sein, dass ich es gar nicht bis nach Bremen schaffen würde… wenn dieser Artikel online geht, bin ich allerdings hoffentlich schon fast da! Der Weg führte noch durch einige kleine Ortschaften (darunter auch Narthauen, welches mal den Preis für „Unser Dorf soll schöner werden“ gewann  😄 Sorry liebe Narthauener doch Euer Dorf sieht aus wie alle anderen Dörfer in dieser Gegend), bis er schließlich in Otterstedt, am Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde endete.


Licht am Ende des Weges



Außer dass in Otterstedt Mobilfunk noch kein Begriff ist, hatte ich nach der Ankunft das Gefühl, wieder mal an einem Ort gelandet zu sein den ein wohlwollendes Wesen irgendwo in diesem Universum extra für mich kreiert hat… dieses Gemeindehaus ist wunderschön und heimelig, ich habe ein eigenes Zimmer mit Bett und Schreibtisch und eine riesen Küche für mich, dazu drückte mir die liebe Dame aus der Gemeinde sogar noch eine Schüssel für ein Fußbad mit verschiedenen Cremes und Handtüchern in die Hand! UND: direkt neben dem Haus gibt es ein seit 125 Jahren bestehendes Kaufhaus mit einem älteren Ehepaar an einer antiken Kasse, die so ziemlich Alles im Sortiment haben was das Herz begehrt. Ein wahrer Kaufmannsladen, der hoffe ich noch lange bestehen wird! Passenderweise besorgte ich mir Nudeln und Gewürzketchup, Kinderessen wie früher bei Oma 🙂 Dazu gab es frisch geernteten gebratenen Hokkaido Kürbis.

 

Übrigens, als ich diesen Text verfasste, saß ich gerade mit einer Kerze und einem heißen Tee am Schreibtisch meiner Kammer, von unten hörte ich leise das Singen und Lachen des Kirchenchores, der anscheinend um diese Uhrzeit probte! Ich bin zwar nicht gläubig, doch so warmherzig empfangen zu  werden, hat den Tag perfekt enden lassen.

Bist Du schon einmal gepilgert? Ich finde das ganz Besondere an dieser Reise ist, dass man alles viel intensiver um sich wahrnimmt. Zum Beispiel die Stimmungen der Menschen die einem begegnen, oder Details am Wegesrand… das spiegelt mein Bericht heute ein wenig wieder. Die Via Baltica verläuft nur ein paar Schritte von meiner Haustür entfernt, doch hat sich nach ein paar Tagen genau dasselbe Gefühl eingestellt, wie auf dem spanischem Hauptweg, dem Camino Frances! Ich freue mich wirklich sehr auf Bremen und hoffe, ich werde die 35km-Etappe moren bewältigen können!

Zurückgelegte Strecke: ca. 23km

Kosten für Übernachtung: Spende

Verpflegung: verschiedene Supermärkte, Bäckereien und Cafes in Zeven, danach keine Einkaufsmöglichkeiten. Ich hatte mir für den Weg eine Laugenstange und eine Große Packung Datteln besorgt. Der Lebensmittelmarkt in Otterstedt hat von 07:30-18:30 Uhr geöffnet 

Wenn dieser Artikel online geht ist die Versteigerung gerade noch in der heißen Phase, ein wenig Zeit zum mitbieten bleibt Dir noch! Vielen Dank für die vielen Gebote, Ihr seid alle der Hammer!!! Im Moment steht der Betrag bei 44 Euro! Schreibe dein gebot einfach in die Kommentare 🙂

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Autor: ichbindani

freies köpfchen, wild, bunt, vegan. neben der spur und doch auf einem guten weg

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